01.06.2021

Die nachbarschaftliche Gesellschaft

Die Pandemie hat die Polarisierer nicht verstummen lassen. Aber sie hat auch gezeigt, wie sich sozialer Zusammenhalt stärken lässt.

Von Sebastian Gallander

Die amerikanische Poetin Amanda Gorman sagte in ihrem Gedicht zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden sinngemäß:

„Und so heben wir unsere Blicke nicht auf das, was zwischen uns steht, sondern auf das, was vor uns liegt.“

Das klingt wie eine Feststellung, ist aber eigentlich eine Aufforderung.

Diese sollten wir auch in Deutschland beherzigen, während wir uns langsam in die Nach-Corona-Zeit vortasten. 

Denn vor der Pandemie gab es in unserem Land aufgeheizte öffentliche Debatten über die Spaltung der Gesellschaft. Darüber gerieten die tatsächlichen großen sozialen Herausforderungen gelegentlich aus dem Blick – wie etwa die wachsende Zahl einsamer und älterer Menschen. Dann kam der erste Lockdown. Damals äußerte ich in der Sommerausgabe der „Stiftungswelt“ – fast genau ein Jahr ist das nun her – die Hoffnung, die Krise würde uns wieder enger zusammenbringen. Nur erhalten heute leider die polarisierenden Stimmen erneut sehr viel Aufmerksamkeit in den klassischen wie auch in den sozialen Medien. 

Man könnte den Eindruck erhalten, diese Stimmen seien in der Mehrheit. Dabei sind sie lediglich besonders laut und übertönen dadurch die vielen anderen, die sich im Stillen für ihre Mitmenschen und ihr lokales Umfeld engagieren. So wie die fast 1.000 Initiativen aus ganz Deutschland, die zuletzt am Deutschen Nachbarschaftspreis der nebenan.de-Stiftung teilgenommen haben. Einer der Hauptpreise ging schließlich nach Fürstenfeldbruck.

In der süddeutschen Kreisstadt wurde gleich zu Beginn der Corona-Krise ein ehrenamtliches Projekt ins Leben gerufen, um schnell, unkonventionell und unbürokratisch die Lücken zu schließen, die die bestehenden Institutionen nicht abdecken konnten. Zu den tatkräftigen Aktionen der Initiative zählte das Einkaufen für ältere oder vorerkrankte Menschen, die Kinder-Notbetreuung, das Nähen von Alltagsmasken, das Ausdrucken von Schulunterlagen für Kinder, die zu Hause keinen Drucker haben, sowie Telefonate gegen die Einsamkeit. 

Koordiniert wurde all dies von einer kleinen Steuerungszentrale, die Hilfsbedarfe und Hilfsangebote miteinander verknüpfte. So gelang es, mehr als 1.600 Freiwillige zu mobilisieren, die sehr vielen Menschen helfen konnten. Ganz nebenbei ist die Stadt dadurch noch ein bisschen „lebenswerter und liebenswerter geworden“. So beschreibt es Monika Graf von der Corona-Nachbarschaftshilfe Fürstenfeldbruck und schwärmt dabei – ganz ohne Pathos, aber mit zupackender Warmherzigkeit – von der Kraft einer Gemeinschaft, wenn alle an einem Strang ziehen.

In der Wissenschaft gibt es für einen im weitesten Sinne ähnlichen Ansatz bereits einen Namen: „Caring Community“ – Sorgende Gemeinschaft. Schon lange vor Corona hatte es dieser Begriff sogar in den offiziellen Engagementbericht der Bundesregierung geschafft. Doch eine wirklich flächendeckende Umsetzung gab es bisher nicht. Nun hat dieser Ansatz am Beispiel Fürstenfeldbruck seine Wirksamkeit in der Praxis erwiesen. 

Inzwischen gab es in Fürstenfeldbruck bereits Nachfragen aus über 30 Städten in ganz Deutschland, wie sie dem Beispiel der dortigen Initiative folgen können. Das Interesse zeigt: Staat und Stiftungen sollten jetzt alles daransetzen, diese Art des freiwilligen Engagements in ganz Deutschland stärker zu fördern. Denn damit wäre nicht nur vielen einsamen und älteren Menschen geholfen. Es würde auch den nachbarschaftlichen Zusammenhalt stärken – und zwar in der gesamten Gesellschaft.

 

Sebastian Gallander leitet die nebenan.de-Stiftung und schrieb diesen Gastbeitrag für das Magazin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

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