Sebastian Gallander, Geschäftsführer der nebenan.de Stiftung, schreibt in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 17.09.2018:

 

 

ALLE SIND GEFRAGT

Der Mittelstand half Deutschland durch die Finanzkrise. Aus der Demokratie-Krise könnten Ehrenamtliche helfen. 

Vor zehn Jahren stürzte die Bank Lehman Brothers, die Weltmeere der Wirtschaft gerieten in einen Jahrhundertsturm. Deutschland kam dort vergleichsweise gut hindurch, auch weil mehr als 90 Prozent der Unternehmen zu einer besonders soliden Flotte gehören: dem Mittelstand. Heute befinden wir uns wieder in einer großen Krise, die diesmal aber nicht durch eine ökonomische Bedrohung von außen verursacht wird, sondern durch eine gesellschaftliche Spaltung von innen. In der Öffentlichkeit gibt es einen Konflikt zwischen unversöhnlichen politischen Lagern, der durch wenige, aber besonders laute Stimmen immer weiter verschärft wird.

Dabei wird oft übersehen, dass viele Menschen tagtäglich Gutes tun: die Ehrenamtlichen. Sie betreuen benachteiligte Kinder, helfen Obdachlosen, kümmern sich um alte Menschen. Freiwillig, unentgeltlich und ganz im Stillen. Sie schaffen dadurch nicht nur einen konkreten Mehrwert für andere Menschen. Sie sind der Pulsschlag der Demokratie.

Demokratie heißt schließlich nicht nur, alle vier Jahre wählen zu gehen, sondern die Angelegenheiten der Allgemeinheit selbst mit in die Hand zu nehmen. Die Ehrenamtlichen sind also keineswegs nur die netten, kleinen Helferlein, die sich um die weichen, aber weniger wichtigen Themen kümmern und vor allem die Ritzen kitten, die der Staat offen lässt. Wenn man dies wirklich verinnerlicht, dann erwächst daraus ein ganz anderes Selbstverständnis und Selbstbewusstsein für das Ehrenamt: Das Ehrenamt ist für die Demokratie mindestens so wichtig, wie der Mittelstand für die Wirtschaft. Man kann sie zwar nicht direkt miteinander vergleichen, aber es scheinen sich doch Parallelen abzuzeichnen.

Beide gelten als sehr weitsichtig. Mittelständler setzen meist nicht in erster Linie auf den schnellen maximalen Ertrag, sondern eher auf die langfristige Stabilität des Unternehmens. Ehrenamtliche wiederum packen einfach mal an, um durch viele kleine Taten die Gesellschaft insgesamt ein bisschen besser zu machen. Beide sind oft lokal verwurzelt, aber keineswegs provinziell. So schaffen mittelständische Unternehmen mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze in Deutschland, wobei sie laut Bundeswirtschaftsministerium zu etwa 44 Prozent direkt oder als Zulieferer zum außenwirtschaftlichen Erfolg der deutschen Volkswirtschaft beitragen, und teilweise sogar selbst Weltmarktführer sind. Auch die Ehrenamtlichen engagieren sich stark in ihrer Nachbarschaft und setzen sich zugleich häufig für globale Themen, wie fairen Handel oder Klimaschutz ein. Beide können zudem ein Integrationsmotor sein. Mehr als 75 Prozent der Beschäftigten aus acht Flucht-Herkunftsländern - von Afghanistan bis Syrien - haben ihre Arbeit in kleinen und mittleren Betrieben gefunden, so eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Im Engagementbereich zeigt sich laut dem jüngsten Freiwilligen-Survey der Bundesregierung: Es gibt zwar große Unterschiede, aber eben auch viel Potenzial, und unter Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind sowie die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, ist der Anteil der Engagierten mit gut 43 Prozent ähnlich hoch wie bei den Menschen ohne Migrationshintergrund.

Wir sollten uns gerade jetzt auf die Kraft des Ehrenamts besinnen. Es gibt zwar schon erfreulich viele Menschen in Deutschland, die sich freiwillig engagieren, aber wir brauchen noch viel mehr von ihnen.

Doch ähnlich wie der Mittelstand, braucht auch das Ehrenamt nun einmal Unterstützung - beispielsweise in drei großen Bereichen.

Erstens, gezielte Finanzhilfen: Für mittelständische Unternehmen gibt es viele maßgeschneiderte Förderinstrumente - vom Gründerfonds bis zur Ausfallbürgschaft. Gemeinnützige Organisationen hingegen müssen sich oft von einem Projektzuschuss zum nächsten schleppen und erhalten kaum langfristige Zahlungen für ihre Verwaltungskosten, die sie jedoch dringend brauchen.

Zweitens, der mangelnde Nachwuchs. Der Mittelstand nimmt dies selbst in die Hand und stellt somit mehr als 80 Prozent aller deutschen Ausbildungsplätze, was sehr lobenswert ist. Zugleich dient er damit seinen eigenen Interessen, wobei er davon profitiert, dass die Hälfte der Ausbildung in den Steuer-finanzierten Berufsschulen stattfindet. Dies lässt sich natürlich nicht eins zu eins übertragen. Doch schon in der Schule, die ja immer häufiger zur Ganztagsschule wird, kann stärker versucht werden, junge Menschen an das Engagement heranzuführen. Zudem gilt es, die Freiwilligendienste, wie das Freiwillige Soziale und Ökologische Jahr, auszubauen.

Die dritte große Herausforderung ist die Digitalisierung. Um die Unternehmen dafür fit zu machen, hat die Bundesregierung sogenannte Mittelstand4.0-Kompetenzzentren eingerichtet und investiert dort jährlich 38 Millionen Euro. Auch die überwiegende Mehrheit der gemeinnützigen Organisationen hat laut einer aktuellen Befragung hier großen Weiterbildungsbedarf, beklagt aber fehlende Ressourcen als größte Hürde auf dem Weg in die digitale Zukunft.

Möglicherweise würden auch einige Rechtsradikale ihre Umtriebe als Engagement bezeichnen. Gegen diese dunkle Seite der Zivilgesellschaft gibt es kein einfaches Mittel. Man kann aber versuchen, gerade die Freiwilligen besonders zu stärken, die fest auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und sich klar an den Menschenrechten orientieren. Die zuständige Bundesfamilienministerin, Franziska Giffey, hat bereits deutlich gemacht, dass sie genau dies tun will und die Ehrenamts- wie auch die Demokratieförderung weiter ausbauen wird. Das ist eine sehr gute Zukunftsinvestition für die gesamte Gesellschaft.

Allein kann sie es jedoch nicht schaffen. Wir alle sind gefragt. Unternehmen, die ja auch ein Interesse an einer gesunden Gesellschaft haben, können ihren Mitarbeitern für ihr Engagement ein bisschen mehr frei geben. Und fast jeder Einzelne von uns kann sich stärker engagieren. Zusammen können wir die Demokratie-Krise genauso meistern wie die Finanzkrise.